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Adolph Kolping -
seine Idee in der heutigen Zeit

Teil 1 - Geschichte

Kolpings Leben fällt in eine Zeit tiefgreifenden Wandels, ja des radikalen Umbruchs in vielen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens. Grundlegend und spürbar verändern sich in wenigen Jahrzehnten die Lebensbedingungen der meisten Menschen. Traditionelle gesellschaftliche Ordnungselemente verschwinden. Der einzelne gewinnt damit ein grösseres Maß an individueller Freiheit. Die Befreiung aus traditionellen Abhängigkeiten bedeutet wachsende Spielräume zu eigenverantwortlicher Lebensgestaltung; dem steht aber der zunehmende Verlust sozialer Bindung - im Sinne des Eingebunden- und Getragen-Seins durch entsprechende Strukturen - gegenüber. Die ‚neue Zeit' birgt vielfältige neue Chancen und zugleich auch Risiken für den Zeitgenossen. Natürlich waren die verschiedene Bevölkerungsgruppen in unterschiedlichem Maße betroffen; besondere Problemlagen ergaben sich etwa für die im Handwerk tätigen Menschen, also auch und gerade für die (wandernden) Gesellen. Wenn Kolping ihre Situation mit dem Begriff ‚Heimatlosigkeit' kennzeichnet, meint er vor allem den mit tiefgreifenden Veränderungen in der Welt der Arbeit einhergehenden Verlust sozialer und weltanschaulicher Bindung und Orientierung,

Hier setzt die Antwort Kolpings auf die Herausforderungen der Zeit an:

Die gesellschaftlichen Verhältnisse hindern nach seiner Auffassung Menschen daran (zumindest behindern sie Menschen dabei) , etwas aus sich etwas zu machen, all ihre Kräfte und Fähigkeiten zu entwickeln und die ihnen erreichbare berufliche und damit auch gesellschaftliche Stellung zu erreichen. Hier spielt der Begriff 'Selbständigkeit' eine wichtige Rolle, und zwar nicht nur im Sinne einer unabhängigen wirtschaftlichen Existenz. Dieser Ansatz ist natürlich geprägt durch das (christliche) Menschenverständnis Kolpings: Danach ist der einzelne aufgerufen und aufgefordert, mit allen Kräften seiner Bestimmung nachzukommen. Der Mensch ist als Geschöpf Gottes sowohl mit einer bestimmten ‚Ausstattung' wie mit einer bestimmten ‚Aufgabe' in diese Welt gestellt. In der Erfüllung seines Auftrages hat er durch die Ausschöpfung / Nutzung aller seiner Fähigkeiten und Möglichkeiten seine über dieses irdische Dasein hinausgehende Bestimmung zu verwirklichen und zugleich an der Vollendung dieser Welt mitzuwirken. Damit ist ausdrücklich die Verpflichtung zur Wahrnehmung sozialer Verantwortung eingeschlossen. Gesellschaftliches Leben insgesamt und damit auch alle sozialen Gebilde sind für Kolping auf diese Bestimmung des Menschen hingeordnet bzw. auszurichten. Grundsätzlich ist somit Gesellschaft in allen Aspekten nicht Selbstzweck, sondern auf den Menschen und seine Bestimmung bezogenes ‚Instrumentarium'; konsequent darf gesellschaftliches Leben in all seinen Facetten dann nicht ohne Bezug zu den ‚Grundbefindlichkeiten' des Menschen gesehen und gestaltet werden.

In der erlebten Wirklichkeit sieht Kolping tiefgreifende Defizite gegenüber diesem Ansatz (Anspruch); er konstatiert in seiner ausgeprägten Zeitkritik u.a. Entwicklungen, die das menschliche (gesellschaftliche) Zusammenleben von derartigen Rücksichten 'befreien' (wollen), wo schrankenloser Egoismus und hemmungslose Ausbeutung von Mensch und Natur um sich greifen und wo der Bezug zu gemeinsamen Grundlagen (Wertvorstellungen) verloren zu gehen droht oder gar schon verlorengegangen ist. Zu erinnern ist in diesem Zusammenhang daran, daß ja die Zeit Kolpings gerade auch durch das Aufkommen einer neuen (kapitalistischen) Wirtschaftsweise geprägt ist, wo sich die Vollzüge und Beziehungen, Bindungen und Abhängigkeiten in der Arbeitswelt weithin verändern, und dies mit zumindest teilweise dramatischen Folgen für betroffene Menschen. Zugleich ist diese Zeit charakterisiert durch einen zunehmenden weltanschaulichen Konkurrenzkampf, wo dem bislang dominierenden Christentum einflußreiche 'Rivalen' erwachsen durch den Liberalismus und den aufkommenden Sozialismus. Nicht zu vergessen ist schließlich der immer lautere Ruf nach gesellschaftlicher Mitwirkung und Mitverantwortung, nach Demokratie (Partizipation), nach bürgerlichen Rechten, nach Meinungs- und Pressefreiheit, etc., in dessen Konsequenz das politische Geschehen und das gesellschaftliche Leben insgesamt durch neue Interessenlagen und Organisationsformen geprägt und beeinflußt werden.

In der Konsequenz ergibt sich für Kolping eine doppelte, eng zusammenhängende Zielsetzung (Aufgabenstellung), nämlich die ganz unmittelbare Hilfestellung für (junge) Menschen in bedrängter Lage und die Veränderung der als unzureichend erkannten gesellschaftlichen Verhältnisse.
Vom Wirken Kolpings im Gesellenverein sind - gewissermaßen als stichwortartige Zusammenfassung der Zielsetzung - die sog. ‚vier Devisen' überliefert: Es ging um den tüchtigen Christen, den tüchtigen Meister, den tüchtigen Bürger und den tüchtigen Familienvater. Der Begriff 'Tüchtigkeit' gehört zu den Kernbegriffen Kolpings, der aber heute kaum noch in entsprechender Weise verwendet bzw. verstanden wird. Der Christ ist - so Kolping - verpflichtet, seine ihm gegebenen Fähigkeiten und Möglichkeiten in allen Lebensbereichen zu entwickeln und wahrzunehmen. Tüchtig ist er in dem Maße, wie er diese Aufgabe (Verpflichtung) im alltäglichen Leben verwirklicht, d.h. sich um die entsprechende Verwirklichung bemüht. Christ-Sein realisiert sich insofern vor allem in der alltäglichen Lebenswirklichkeit. Umgekehrt gilt: Tüchtigkeit im Leben ist (letztlich) nicht ohne religiöses Fundament möglich; Tüchtigkeit im Beruf, in der Familie und in der Gesellschaft erfordert (eigentlich) eine klare religiöse Grundlage.

Zur Linderung der ‚Nöte der Zeit' war darum für Kolping die Anregung und Befähigung des Menschen zum überzeugten und überzeugenden Christ-Sein und damit zur Tüchtigkeit in allen Lebensbereichen zentrales Erfordernis, sowohl für den einzelnen als auch für einen umfassenden sozialen Wandel. Für Kolping stand bei der ‚Forderung' nach gesellschaftlicher Veränderung nicht der revolutionäre Umsturz bestehender Verhältnisse oder ein durch politisches Handeln bewirkter Wandel im Vordergrund: Er konnte von seinem Ansatz her nicht am einzelnen 'vorbeigehen' oder gar über ihn 'hinweggehen'. Jeder einzelne Mensch ist in seiner Sicht ganz unmittelbar aufgefordert und berufen, seinen Teil zur Veränderung, d. h. zur Verbesserung der Welt beizutragen. Jeder soll (und muß eigentlich), in seinem Kreis das Beste tun, damit es in der Welt besser werden kann. Niemand kann sich also mit vorgeblicher Ohnmacht oder vermeintlicher Bedeutungslosigkeit vom Mittun an der Gestaltung der Welt ‚distanzieren'. Tüchtigkeit ist hier wiederum der zentrale Begriff und Ansatz Kolpings: Der einzelne soll als Christ im Beruf, in der Familie und in der Gesellschaft tüchtig sein bzw. Tüchtigkeit erwerben, um dann sein Leben entsprechend zu gestalten und damit die gesellschaftliche Realität mit zu prägen und zu verändern.
Insofern kann für diese auf ‚Langzeitwirkung' angelegte Zielsetzung Kolpings die zusammenfassende Formel ‚Sozialer Wandel durch Veränderung des Menschen' gebraucht werden. Das ganze Bemühen um Hilfe für Menschen in Not konnte im Übrigen von Kolpings Menschenverständnis her nur als 'Hilfe zur Selbsthilfe' verstanden und konzipiert werden: Bei aller Beeinflussung durch gesellschaftliche Verhältnisse ist und bleibt der einzelne für sein Tun und seine Entwicklung verantwortlich.

Die Frage stellt sich natürlich, was denn konkret Tüchtigkeit im Sinne Kolpings ausmacht. Sicherlich wäre es zu einfach, hier lediglich auf Person und Leben Kolpings zu verweisen, auch wenn er selbst ohne Zweifel ein gutes Beispiel darstellt. Andererseits wäre es zu schwierig, nun anhand konkreter ‚Fallbeispiele' alle relevanten Facetten dieses Begriffes abzuhandeln. Insofern kann es nur um den Versuch gehen, einige zentrale ‚Stichworte' zu benennen und zu beschreiben, die in ihrer Summe das ausmachen, was Kolping meinte, wenn er vom tüchtigen Meister, Familienvater und Bürger sprach, der durch sein Leben und Wirken als Christ zur vollen Entfaltung der eigenen Person gelangen und zugleich zur Veränderung der Welt beitragen sollte. In diesem Sinne können und sollen fünf wesentliche ‚Elemente' angesprochen werden, die untrennbar zusammengehören und die für alle Lebensbereiche gleichermaßen relevant sind. Dabei geht es um sehr grundlegende Eigenschaften / Einstellungen / Fähigkeiten, die menschliches Verhalten / Handeln prägen und bestimmen (sollen).

Fundament

Gemeint ist die klare religiöse (christliche) Grundlage, die Sicherheit hinsichtlich des eigenen Seins und Sollens gibt und die wesentliche Impulse für die eigene Lebensgestaltung und damit für die Wahrnehmung aktiver Weltverantwortung liefert, aus der sich zugleich aber auch Maßstäbe für die Beurteilung der erlebten Wirklichkeit gewinnen lassen. Hier geht es also schlechthin um Ansatzpunkte und Leitlinien für das eigene Leben und Handeln.

Können

Gemeint ist die (im weitesten Sinne verstandene) Beherrschung einer Materie, die fachliche Kompetenz also, die nötig ist, um letztlich in jeder Lebenssituation sachgerecht und erfolgversprechend handeln zu können. Tüchtigkeit im Sinne Kolpings erfordert nicht nur Begeisterung, sonder auch Können! Der Erwerb derartiger Kompetenz erfordert natürlich entsprechende Anstrengungen, aber er gehört - unter dem Aspekt der Ausschöpfung gegebener Möglichkeiten - für Kolping zu den unabweisbaren Pflichten des Menschen.

Offenheit

Gemeint sind hier Fähigkeit und Bereitschaft, sich immer wieder mit Entwicklungen und Wandlungen auseinanderzusetzen, die dem einzelnen in seinem alltäglichen Leben und in größeren gesellschaftlichen und politischen Zusammenhängen begegnen. Dazu gehört z. B. auch - soweit überhaupt möglich - der ‚Verzicht' auf Vorurteile; dazu gehört ebenso - und dies in engem Zusammenhang mit dem Begriff ‚Können' - die Bereitschaft und Fähigkeit zum dauerhaften, ja lebenslangen Lernen.

Verbindung

Gemeint sind Bereitschaft und Fähigkeit, sich mit anderen zu verbinden, sich auf andere einzulassen. Als Sozialwesen ist der Mensch nun einmal auf das Miteinander angewiesen, und dies sowohl im eigenen Interesse als auch mit Blick auf weitergehende Wirkmöglichkeiten. Letztlich geht es hier um eine Gemeinschaftsfähigkeit, die immer auch Abstriche von einem einseitig verkürzten 'Freiheitsideal' nötig macht. Zentrale Bedeutung haben in diesem Zusammenhang Tugenden wie Zuverlässigkeit, Ehrlichkeit und Treue.

Verantwortung

Gemeint ist die praktische Übernahme von Verantwortung in relevanten Lebensbereichen oder Lebenssituationen, also die Wahrnehmung ganz konkreter Wirkmöglichkeiten, die über die Verfolgung unmittelbarer privater Interessen hinausreichen. Eben weil das Gemeinschaftsleben - in welchen Bereichen auch immer - auf dem Zusammenwirken und auf der aktiven Mitwirkung vieler beruht, gehört das entsprechende Engagement zu den Wesenselementen der Tüchtigkeit.

In dem Bemühen, Menschen anzuregen und zu befähigen, ihr Leben als Christen zu gestalten und Tüchtigkeit in den verschiedenen Lebensbereichen zu erlangen, war der Gesellenverein nicht mehr und nicht weniger als ein brauchbares ‚Instrument' zur praktischen Bewältigung anstehender Aufgaben. Im konkreten historischen Kontext bot sich dieser Typus einer freien gesellschaftlichen Vereinigung als Mittel an, die gestellte Aufgabe anzugehen. Zugleich kam die Vereinsidee Kolpings tiefer Überzeugung von der Bedeutung familienhafter Gemeinschaft für Mensch und Gesellschaft entgegen. Der Verein war als Zusammenschluß von Menschen gedacht und konzipiert, die willens und fähig waren, sich auf einen gemeinsamen Weg einzulassen, um in gemeinschaftlicher Verbundenheit und Verantwortung an sich selbst und für andere zu arbeiten. Er bot die entscheidende Voraussetzung, um Menschen - gerade solchen in bedrängter Lebenssituation - überhaupt eine (gemeinsame) ‚Startposition' zu bieten, von der aus der Weg zur persönlichen Tüchtigkeit anzutreten war, der in Konsequenz zur christlichen Erneuerung der Welt führen sollte.
Die Auswahl einer bestimmten Zielgruppe für den Katholischen Gesellenverein ergab sich für Kolping aus dem Zwang zur Konzentration der Kräfte, aus aktuellen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und nicht zuletzt aus der eigenen Biographie. Keineswegs sah Kolping allein hier Sorgen und Nöte von Menschen und damit entsprechenden Handlungsbedarf. Aber er ging von der Notwendigkeit aus, die eigenen Bemühungen auf einen bestimmte konkrete - auch gesellschaftlich klar 'definierte' - Zielgruppe zu beschränken, um überhaupt etwas erreichen zu können. Hinzu kommt, daß die Gesellen ja durchaus gute Chancen zum gesellschaftlichen Aufstieg besaßen und dadurch ein besonders wichtiges und interessantes ‚Potential' im Blick auf den angestrebten sozialen Wandel darstellten.

Teil 2 - Gegenwart

Das Kolpingwerk existiert heute weltweit als moderner katholischer Sozialverband. In seinen programmatischen Grundlagen wie ja auch im praktischen Handeln bekennt sich der Verband ausdrücklich zu den grundlegenden Ideen und Zielen Adolph Kolpings, die praktische Arbeit aber vollzieht sich in - ganz allgemein gesagt - einer Art und Weise, die mit dem ursprünglichen Katholischen Gesellenverein Kolpings wenig zu tun hat, zumindest vordergründig. Das "Überleben" des Kolpingwerkes in einer fast 150jährigen Geschichte ist, zugespitzt formuliert, nicht aufgrund starrer "Anhänglichkeit" an hergebrachte Formen gelungen, sondern wegen einer recht verstandenen Anpassung an vielfältigen Wandel in allen Bereichen unseres Lebens.
Das schon zitierte Wort "Die Nöte der Zeit werden euch lehren, was zu tun ist" macht auch deutlich, daß Kolping sich in der praktischen Ausrichtung eben dieser Arbeit an den aktuellen Fragen und Herausforderungen der Zeit orientiert und damit den mehr grundsätzlichen oder programmatischen Ansatz in eine sehr konkrete Wirklichkeit stellt. Dies bedeutet zugleich den Impuls (von Kolping selbst verschiedentlich auch betont und gefordert), eben das praktische Wirken immer wieder auch unter den aktuellen Gegebenheiten und Notwendigkeiten zu überprüfen und gegebenenfalls auch zu verändern.

Eine wichtige Fragestellung - gerade auch von "außen" an den Verband gestellt - geht dahin, ob und inwieweit das Kolpingwerk heute überhaupt noch mit Fug und Recht sich als den Ideen und Zielen Adolph Kolpings verpflichtet "ausgeben" darf oder ob nicht bei dem tatsächlich eingetretenen Wandel im Verband selbst dieser ausdrückliche Bezug zu Kolping wirklich nur ein "nostalgischer Etikettenschwindel" ist, also ein formales Bekenntnis, hinter dem keine Substanz steckt. Diese Fragestellung ist nicht ohne Brisanz, denn es geht ja letztlich darum, ob und inwieweit eine "Idee" in ihrer praktischen Realisierung wandlungsfähig ist oder sein kann, ob und inwieweit - anders formuliert - eine "Botschaft" in je konkreter Situation zeitnah und zeitgemäß "vermittelbar" ist, ohne verändert oder sogar verfälscht zu werden. Diese Frage stellt sich im übrigen sicherlich nicht nur für das Kolpingwerk!

Wir dürfen unterstellen, daß der Zeitgenosse Kolpings mit einem Begriff wie "tüchtiger Meister" etwas anfangen konnte; wir dürfen aber fragen, ob der heutige Zeitgenosse solche Begrifflichkeiten in gleicher Weise versteht oder ob er nicht einer anderen "Beschreibung" des Gemeinten bedarf, resp. zumindest einer Kommentierung. Die tiefreichende Bedeutung des Begriffes "Tüchtigkeit" bei Kolping könnte heute vielleicht mit Begriffen wie "Kompetenz", "Engagement", "Verantwortung", "Zielstrebigkeit", etc. angegangen oder umrissen werden, in jedem Falle geht es darum, den Gedanken Kolpings so auszudrücken, daß er in richtiger Weise "ankommt", d. h. verstanden wird oder verstanden werden kann. Eben dies ist zunächst gemeint, wenn es um Zeitnähe und Zeitgemäßheit des Kolpingwerkes heute geht; hier wird kein "neuer" Kolping kreiert, sondern wird eine "alte" Idee in "neuer" Weise zum Ausdruck gebracht. Zeitnähe und Zeitgemäßheit ist diesem Sinne sind etwas anderes als die heute so oft beschworene - und zwar negativ verstandene - Anpassung oder gar Auslieferung an den Zeitgeist, womit in der Regel einem modischen Geschmack oder modischen Befindlichkeit entsprechende Veränderung - im Sinne von Reduktion oder Verfälschung - der "Botschaft" selbst gemeint ist. Eine solche Unterscheidung fällt freilich nicht leicht: so gefährlich es ist, jede Veränderung und sei es auch nur im Äußerlichen unter dem Zeitgeist-Syndrom zu verteufeln, so problematisch kann es auch sein, wenn der Versuch unternommen wird, tatsächlich substanzielle Veränderungen unter dem Deckmantel bloßer Zeitgemäßheit zu verkaufen und damit zu verschleiern. Zweifellos bewegen wir uns hier in einer ständigen Gradwanderung, wo Entscheidungen nur nach bestem subjektivem Wissen und Gewissen getroffen werden können.

Unsere Zeit ist in vielfacher Weise anders als die Kolpings. Und dennoch messen wir seiner ‚Idee' eine zitlose Gültigkeit oder Aktualität zu, offenkundig bestätigt durch die gerade in den letzten Jahrzehnten erfolgte erfolgreiche weltweite Ausbreitung unseres Werkes. Was aber ist nun (und warum) an Idee und Wirken Kolpings von zeitloser Aktualität? Thesenhaft dazu folgende Hinweise:

Bestimmung des Menschen (christliches Menschenbild)

Zweifellos ist und bleibt es aktuell, Menschen (Christen) immer wieder auf ihre Bestimmung (im Sinne auch und gerade einer konkreten Herausforderung bzw. Aufgabe für die individuelle Lebensgestaltung) hinzuweisen. Vielleicht (wahrscheinlich sogar) ist dies heute nötiger als zu Kolpings Zeiten, wo doch ein zunehmender 'Verzicht' auf weltanschauliche Orientierung und Bindung festgestellt werden kann.

Hilfe für Menschen in bedrängter Lage (Hilfe zur Selbsthilfe)

Konkrete gesellschaftliche (im weitesten Sinne verstanden) Gegebenheiten und Problemlagen sind in der Welt von heute außerordentlich vielschichtig und unterschiedlich. Sicher aber gibt es kein einziges Beispiel dafür, daß es irgendwo auf der Welt absolut 'problemlos' zuginge. Überall gibt es Menschen in Not; überall bedürfen Menschen der Hilfe und Zuwendung, der Solidarität und der Gerechtigkeit. Der Begriff 'Not' darf dabei nur nicht auf eine materielle Dimension reduziert werden. Auch Kolping selbst hat sehr wohl Dimensionen von sozialer und geistiger Not erkannt und in seiner Arbeit berücksichtigt, immer aber unter dem Aspekt der Hilfe zur Selbsthilfe.

Bedeutung von Gemeinschaft (Heimat)

Als zugleich Individuum und Sozialwesen ist und bleibt der Mensch auf die (gemeinschaftliche) Verbundenheit mit anderen angewiesen, ob er dies nun wahrhaben will oder nicht. Nach wie vor auch bedeutet das gemeinsame Tun zur Erreichung bestimmter Zwecke einen entscheidenden Vorteil gegenüber einem bloß individuellen Bemühen. Insofern bleibt auch das Konzept der Gemeinschaftsbildung aktuell, ist es vielleicht sogar noch aktueller geworden angesichts mannigfaltiger Entwicklungen in Richtung auf immer stärkere Individualisierung und Vereinzelung des Menschen.

Notwendigkeit zur Weltgestaltung (Weltverantwortung des Christen)

Mit seinen Gedanken zur aktiven und unmittelbaren Weltverantwortung des Christen scheint Kolping geradezu von prophetischer Weitsicht, nachdem doch weithin eher eine eng verstandenes Bemühen um 'Rettung' der eigenen Seele im Vordergrund stand. Themen und Probleme wie Globalisierung, internationale Gerechtigkeit und Solidarität, Bewahrung der Schöpfung waren zu seiner Zeit (noch) nicht aktuell. Um so aktueller sind heute diese Gedanken!

Christliches Gesellschaftsverständnis (Katholische Soziallehre)

Kolping hat mit seinem Wirken Grundelemente der erst viel später ausformulierten katholischen Soziallehre praktisch geprägt und gewissermaßen vorweggenommen. Im Kern geht es hier um die Überzeugung von bestimmten zentralen 'Wahrheiten' (vor allem die Prinzipien Personalität, Solidarität und Subsidiarität), die das Zusammenleben des Menschen in Gesellschaft bestimmen müssen (sollen), wenn gesellschaftliches Leben der Würde und Bestimmung des Menschen entsprechen soll. Wer könnte bestreiten, daß dieser Aspekt wiederum heute von eher noch größerer Bedeutung ist!?

Unsere Wirklichkeit ist, wie gesagt, in vieler Hinsicht anders als die Kolpings. Die Aktualität Kolping liegt nicht im 'Detail', sondern im grundsätzlichen Anliegen und Ansatz. Sicherlich sind wir uns z. B. heute deutlicher der prägenden Kraft der Verhältnisse für Einstellungen und Verhaltensweisen der Menschen bewußt. Wir werden also die Bedeutung des gesellschaftlichen Strukturwandels (Zuständereform) vermutlich höher einschätzen (müssen), als Kolping dies getan hat, wobei noch hinzukommt, daß dem einzelnen heute ja ganz andere Möglichkeiten zur aktiven Teilhabe am politischen und sozialen Geschehen gegeben sind als zu früheren Zeiten. Dies ändert aber nichts daran, daß der Gesinnungsreform im Sinne Kolpings nach wie vor der Vorrang eingeräumt werden kann oder sollte; historische Erfahrungen dürften hinreichend belegen, daß der bloße äußere Strukturwandel keineswegs in der Lage ist, einen 'neuen' Menschen hervorzubringen.
Die Frage nach der Aktualität des Kolpingschen Wirkens ist nicht bloß abstrakte Spielerei. Für einen Verband, der sich nach der Person seines Gründers nennt, der sich immer wieder auf diese Person beruft und sie als vorbildhaft bezeichnet, dürfte es von elementarer Bedeutung sein, über diese Frage Rechenschaft abzulegen. Andernfalls könnte das Bekenntnis zu 'Vater Kolping' in die Gefahr geraten, zur leeren Tradition zu werden.

Zweifellos sind manche Aspekte heutiger gesellschaftlicher Verhältnisse, gerade in den westlichen Industrieländern, nicht eben förderlich für einen spezifischen Typ von Verbandsarbeit, wie ihn unser Wirken darstellt. Auf der anderen Seite liegen aber auch hier wichtige Chancen und Herausforderungen für eine solche Arbeit, die mit den Begriffen Gemeinschaft, Orientierung, Lebenshilfe und Engagement angedeutet werden können. Der zeitgenössische Mensch sucht und braucht Gemeinschaft, den Kreis Gleichgesinnter, wo er sich wohl fühlen kann, wo er sich angenommen und geborgen weiß. Er braucht und sucht Orientierung im Sinne von Antworten auf die Sinnfragen des Lebens, also im Blick auf Standortfindung und Perspektive, Handlungsimpulsen und -leitlinien. Er braucht und sucht schließlich Lebenshilfe im Sinne des Sich-Zurechtfinden-Könnens in einer immer komplizierter, unüberschaubar werdenden Welt. Unsere Zeit (Gesellschaft) braucht schließlich, um lebens - resp. überlebensfähig zu sein (zu bleiben), das Engagement (Mittun) vieler Einzelner, und dies getreu der Devise Kolpings, wonach die Welt nur besser werden kann, wenn jeder an seinem Platz das Beste tut. Wenn es gelingt, diese elementaren Bedürfnisse nicht nur bewußt zu machen, sondern in zeitgemäßer Art und Weise praktisch anzugehen, hier tatsächlich einen Dienst am Menschen zu leisten, wäre keine Sorge um den Fortbestand unserer Arbeit notwendig.

Für die Zukunftsgestaltung kolpingspezifischer Arbeit gibt es keine Patentrezepte, schon gar nicht auf überörtlicher oder gar internationaler Ebene. Aber einige Hinweise sind möglich, worauf wir in der Verantwortung in und für solche Arbeit besonderes Augenmerk zu lenken haben.
Wesentliche Hinweise verbinden sich mit dem Begriff Weggemeinschaft. Einige Stichworte zu diesem schillernden Begriff: Gemeinsam unterwegs sein, sich auf einem Weg verbunden wissen (Gemeinschaft), eine klare Zielperspektive vor Augen haben (Richtung), überzeugt sein von der Richtigkeit und Wichtigkeit des gemeinsamen Weges und des Zieles (Fundament), in Bewegung sein und nicht stehenbleiben, auf Wegmarkierungen, Hinweise und Zeichen achten (Realitäten des Umfeldes, z.B. Nöte der Zeit), offen und einladend sein für Menschen, die sich dazugesellen wollen und können (Offenheit), Abweichungen vom richtigen Weg ertragen und auffangen können (Einheit und Vielfalt), Verbindungen halten und nach den Langsameren schauen, Hilfestellung leisten zum Mitkommen (Solidarität), die eigenen Kräfte ausschöpfen und richtig nutzen (Subsidiarität), sich nicht verstec ken, sondern Flagge zeigen (Selbstdarstellung), Hindernisse überwinden oder klug umgehen (Mut und Intelligenz), nicht verzagen, wenn auch das Ziel aus dem Blickfeld gerät und keine Wegweiser gefunden werden (Selbstverantwortung und Selbstbewußtsein), nicht auf andere warten, die vorangehen sollen (Verantwortung), Hinzukommende mit den Zielen und Rahmenbedingungen des Weges vertraut machen (Schulung), nicht ängstlich sein bei breiterem Ausschwärmen von einzelnen (Toleranz), gegebenenfalls auch unkonventionelle Pfade suchen und beschreiten, etc.

Weggemeinschaft im Glauben und Handeln, in Bildung und Aktion - dieser Gedanke enthält zuerst und vor allem eine dynamische Perspektive: Handeln ist gefragt, Aktion, Wirken, nicht bloßes Schauen und Betrachten, nicht nur Debattieren oder gar nur Klagen. Gerade das hat ja das Werk Adolph Kolpings zu allen Zeiten ausgezeichnet, dieses mutige und tatkräftige Zupacken, die praktische Solidarität mit Menschen in Not, die Ernstnahme der Fragen und Nöte der Zeit. Aber mit dem Handeln allein ist es nicht getan, es geht nicht um bloßen Aktionismus, sondern um bewußtes, reflektiertes Handeln. Einheit von Theorie und Praxis ist ein Stichwort, Idee und Tat ein anderes. Was hier gemeint ist, ist ein Doppeltes: Zum einen das klare eigene Fundament, konkret unser christlicher Glaube, der Maßstäbe und Handlungsimpulse liefert, zum anderen die nüchterne und kritische Auseinandersetzung mit der erlebten Wirklichkeit, von wo aus dann - unter dem Aspekt des weltanschaulichen Fundamentes her - konkrete Aufgaben formuliert werden.

Zu den immer wieder genannten Grundhaltungen Kolpings gehören auch Traditionsbewußtsein und Fortschrittswille. Genau in diesem nicht alternativ oder gar konkurrierend, sondern sich ergänzend verstandenen Begriffspaar liegt der Schlüssel zum 'Erfolg', liegt die Antwort auf die Frage nach dem richtigen Ansatz oder Weg, wenn es darum geht, Bewährtes aus der Vergangenheit in der Gegenwart lebendig zu erhalten, damit auch in Zukunft erfolgreiches Wirken möglich bleibt. Allerdings: Ob mit den vor Jahren beschlossenen Satzungsänderungen oder mit dem künftigen neuen Leitbild wirkliche Verbesserungen eintreten, wird erst die Zukunft zeigen müssen. Sicherlich kann etwas Neues nicht schon vorab seine 'Qualität' beweisen, es muß sich bewähren und bewähren können; sicherlich gilt auch, daß neue ‚Instrumentarien' nicht von sich aus wirksam werden. Tatsächlich hängt ihre Wirksamkeit vom Handeln der beteiligten Personen ab; nur wenn alle, die in entsprechender Verantwortung stehen, auch tatkräftig zupacken, um neuen programmatischen Grundlagen oder strukturellen Vorgaben der Verbandsarbeit gewissermaßen Leben einzuhauchen, wird sich etwas bewegen und verändern lassen, und zwar in die richtige Richtung.


Der oben angeführte Text geht zurück auf eine Veröffentlichung des Kolpingwerkes Deutschland.


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