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Adolph Kolping -
seine Epoche im geschichtlichen Anschnitt

Leben und Wirken Kolpings können nicht losgelöst von der allgemeinen Zeitlage betrachtet und verstanden werden. In ihren Entwicklungen und Wandlungen ist die Zeit Kolpings allerdings viel zu komplex, um in einer wirklich ausreichenden Tiefe abgehandelt werden zu können. Möglich ist hier lediglich der Hinweis auf einige wichtige Aspekte, die für Kolpings Zielsetzungen und Aktivitäten von entscheidender Bedeutung gewesen sind.

Die Lebenszeit Kolpings ist für große Teile Europas eine Epoche des Umbruchs in fast allen Lebensbereichen. Sie markiert die entscheidende Phase im Übergang von einer primär agrarisch geprägten, in Jahrhunderten gewachsenen und kaum wesentlich veränderten ständischen Gesellschaft zur Industriegesellschaft der Gegenwart. Wesentlich ist dabei, daß sich nach dem Zerfall relativ fester Strukturen keine neue ‚Ordnung' von vergleichbar Konstanz mehr herausbilden konnte. Seit dieser Zeit sind vielmehr mehr oder weniger alle sozialen Verhältnisse im Fluß, einem ständigen Wandel unterworfen, typisch und kennzeichnend auch für unsere Gegenwart!

Gerade das Handwerk, in dem Kolping selbst ja 10 Jahre lang tätig gewesen war, war durch verschiedene Entwicklungen stark betroffen. Die Einführung der Gewerbefreiheit zu Beginn des 19. Jahrhunderts ließ die traditionellen Verhältnisse in diesem Gewerbezweig zerbrechen. Sie bedeutete das Ende des Zunftwesens, welches das Handwerksleben in den Jahrhunderten zuvor weitgehend geregelt hatte. Hatten früher z.B. die Zünfte über die Zahl der Betriebe in einem Ort bestimmt, um ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage zu gewährleisten, so konnte es nach der Einführung der Gewerbefreiheit zu einer unkontrollierbaren Zunahme von Handwerksbetrieben kommen. Eine Folge davon war dann ein hemmungsloser Konkurrenzkampf, später noch verschärft durch die aufkommenden Industriebetriebe. Konsequenz war, daß eine ganze Reihe von Betrieben entweder nur kümmerlich existieren konnte oder ganz auf der Strecke blieb. Für die Beschäftigten in diesen Betrieben bedeutete dies dann häufig den Abstieg ins Industrieproletariat.

Mit dem Zerfall der traditionellen Ordnung des Handwerkes hörte es mehr und mehr auf, daß die Gesellen wie selbstverständlich zum Haushalt des Meisters gehörten. Viele Meister sahen in den Gesellen bald nurmehr die bezahlte Arbeitskraft, um deren persönliche Situation sie sich nicht kümmern mußten. Hier kann insgesamt von einer gewissen Entpersönlichung der Beziehungen in der Arbeitswelt gesprochen werden, wie sie allgemein im Zuge der Zeit zu beobachten ist. Sie ist bedingt durch die Durchsetzung einer kapitalistischen Wirtschaftsgesinnung, in der das Profitstreben der einzig entscheidende Faktor war.
Ganz allgemein folgte in dieser Zeit der Lehre (Ausbildung) in einem Betrieb eine zeitlich unbefristete Gesellenzeit, die vor allem der beruflichen Weiterbildung diente. Diese Phase war durch die Wanderschaft geprägt, d.h. die Gesellen zogen von Ort zu Ort, um in den verschiedensten Werkstätten zu arbeiten und sich dabei diejenigen Kenntnisse und Fähigkeiten anzueignen, die sie später in die Lage versetzen sollten, selbst als Meister einen eigenen Betrieb zu gründen.
Die Gesellen waren nun außerhalb ihrer Arbeitszeit mehr und mehr auf Herbergen und Wirtshäuser angewiesen, wo sie Unterkunft fanden und ihre freie Zeit verbrachten. Eine solche Umgebung konnte sich für die personale und soziale Entwicklung dieser jungen Menschen nicht gerade förderlich auswirken. Die Entwicklung ging vielfach so weit, daß die Gesellen aufgrund der Unstetigkeit ihres Lebens (Wanderschaft) und der äußeren Bedingungen ihres Daseins zu einer Randgruppe der Gesellschaft wurden, gemieden von den etablierten Schichten der damaligen Gesellschaft.
Festzuhalten ist in diesem Zusammenhang allerdings, daß das Handwerk zur Zeit Kolpings noch der bedeutendste Wirtschaftszweig war, daß die Zahl der Handwerker die der Industriearbeiter noch klar überstieg. Gerade in mittleren und kleinere Orten stellten die selbständigen Handwerksmeister noch weithin das tragende Element des Mittelstandes dar und übten damit eine gewichtige gesellschaftsprägende Funktion aus.

Vor allem städtischen Bürgertum breitete sich in dieser Zeit der Liberalismus als vorherrschende Weltanschauung aus. Dieser - aus der sog. Aufklärung des 18. Jahrhunderts erwachsene - Liberalismus stellt mit seiner Tendenz zur Verabsolutierung des Individuums, mit seiner Fortschrittsgläubigkeit und mit seiner Verfechtung des freien Spiels der Kräfte in Gesellschaft und Wirtschaft eine entscheidende Triebfeder für den tiefgreifenden gesellschaftlichen und politischen Wandel dar. Er kann hier nicht näher abgehandelt werden; wichtig ist jedoch der Hinweis, daß er zu jener Zeit deutliche antireligiöse bzw. zumindest antikirchliche Tendenzen aufwies. Insgesamt kann jedenfalls für die Zeit Kolpings von einem Rückgang des verhaltensprägenden Einflusses christlicher Wert- und Ordnungsvorstellungen gesprochen werden. Faktisch entstand dem Christentum eine bisher ungekannte weltanschauliche 'Konkurrenz' durch den genannten Liberalismus, später dann auch durch den aufstrebenden Sozialismus.

Gerade die Zeit Kolpings markiert eine wichtige Phase eines tiefgreifenden, auch in unseren Tagen noch nicht abgeschlossenen Säkularisierungsprozesses, der als ein Grundelement der neueren Geschichte überhaupt angesehen werden muß. Die katholische Kirche in Deutschland und anderen europäischen Ländern befand sich im Zuge dieser Entwicklungen in einer schwierigen Situation. Im Gefolge der Französischen Revolution war oder wurde sie ihres weltlichen Besitzes beraubt und zu einer tiefgreifenden Neuorganisation gezwungen; zugleich fand sie sich in weit stärkerem Maße als zuvor weltanschaulicher Konkurrenz (s.o.) und staatlichen Eingriffen ausgesetzt. Solche Erfahrungen trugen wesentlich dazu bei, daß sich in der katholischen Kirche eine über viele Jahrzehnte dominierende Ablehnung gegenüber nahezu allen ‚modernen' Strömungen und Entwicklungen in Gesellschaft und Politik herausbildete (‚Anti-Modernismus').

Im Gefolge der Französischen Revolution hatte sich die politische 'Landkarte' Europas drastisch verändert; für die weitgehend 'neuen' Staaten ergaben sich entsprechend vielfältige Aufgaben und Probleme einer angemessenen Aus- oder Neugestaltung des politischen Systems und der entsprechenden gesellschaftlichen Rahmenbedingungen. Dabei stießen traditionelle Ordnungsvorstellungen auf mehr oder weniger radikale Neuerungsbestrebungen. Bezeichnenden Ausdruck fand dieses Ringen in den revolutionären Konflikten der Jahre 1848/49 in verschiedenen europäischen Ländern. Immer weniger konnten sich die europäischen Staaten dem Ruf nach mehr Freiheit und Gleichheit, wie ihn die Französische Revolution auf ihre Fahne geschrieben hatte, verschließen. In diesen Zusammenhang gehört auch die allmähliche Einführung bzw. Durchsetzung von Presse- und Vereinigungsfreiheit als Voraussetzungen für die Entwicklung eines breiten Vereins- bzw. Verbandswesens, wie es sich gerade in Deutschland ereignet. Die freie gesellschaftliche Vereinigung wird zu einem gesellschaftsprägenden Faktor von herausragender Bedeutung. Neben Verbänden wie etwa dem Kolpingwerk entstehen in dieser Zeit - zumindest ansatzweise - zahlreiche Organisationen, die, wie z.B. Gewerkschaften und politische Parteien, der organisierten Interessenvertretung von Menschen dienen.

Ein Grundelement der Zeit Kolpings ist die Auflösung bzw. der Verlust traditioneller Bindungen sozialer und weltanschaulicher Natur, Hand in Hand gehend mit einer Verstärkung von Mobilität und Pluralität in der Gesellschaft. Die Gesellschaft wird offener in dem Sinne, daß der einzelne hinsichtlich seiner Persönlichkeitsentfaltung und Daseinsgestaltung nicht mehr so stark wie früher durch seine Herkunft festgelegt ist; die Gesellschaft wird mobiler in dem Sinne, daß der einzelne mehr als früher in die Lage versetzt bzw. auch gezwungen wird, Wohnort und Beschäftigungsart zu wechseln. Der einzelne wird zweifellos freier, auch hinsichtlich der vielfältigen traditionellen Formen sozialer Kontrolle. Der Zerfall traditioneller Bindungen (z. B in der Großfamilie im ländlichen Bereich oder in der Zunft im städtischen Handwerk) bringt jedoch zugleich eine größere Unsicherheit für den einzelnen mit sich. Die festgefügte Ordnung früherer Zeit hatte den Menschen eine umfassende Daseinssicherheit zu geben vermocht; losgelöst aus diesen Bindungen findet er sich nun mehr oder weniger hilflos den Problemen und Gefahren der Zeit ausgesetzt, gab es doch in jener Zeit (noch) keines der heute vielfach selbstverständlichen sozialen Sicherungssysteme.

Die skizzierten Entwicklungen mit all ihren Chancen und Risiken für den Menschen sind nicht losgelöst zu sehen von technischen Neuerungen in vielen Bereichen, die einen rascheren Austausch von Informationen und Meinungen ebenso ermöglichen wie eine größere Beweglichkeit des Menschen. Kolping selbst hat solche Entwicklungen unmittelbar miterlebt und auch zu nutzen gewußt. Mußte er in früheren Jahren seine Reisen noch zu Fuß oder mit der Postkutsche absolvieren, so stand ihm später in vielen Bereichen bereits die Eisenbahn zur Verfügung, die auch größere Entfernungen faktisch schrumpfen ließ. In diesen Bereich gehört aber auch das Aufkommen der Telegraphie und die rasche quantitative Ausbreitung des gedruckten Wortes, von Zeitungen, Zeitschriften und Büchern also. Auch in diesem Bereich hat Kolping selbst ja die Möglichkeiten der Zeit in vollem Maße genutzt! Solche Entwicklungen sind wiederum eng mit politischen und gesellschaftlichen Veränderungen verknüpft, z.B. der wachsenden Meinungs- und Pressefreiheit oder der Einführung der allgemeinen Schulpflicht.

Die Zeit Kolpings ist nicht nur durch tiefgreifenden Wandel gekennzeichnet. Sie erlebt auch eine gänzlich neue Sicht von (resp. Einstellung zu) gesellschaftlicherm Wandel: Die politischen und sozialen Verhältnisse werden nicht länger als 'vorgegeben' akzeptiert, sondern erscheinen 'machbar'; sie können (und dürfen) durch menschliches Handeln quasi beliebig verändert / gestaltet werden.
Diese Zeit markiert schließlich auch eine neue weltgeschichtliche 'Dynamik'. Die komplexen und spannungsreichen Entwicklungen und Wandlungen in Europa hängen nicht nur mit Veränderungen außerhalb des europäischen Kontinentes zusammen, z.B. der Unabhängigkeit der USA und der (meisten) lateinamerikanischen Territorien; sie führen auch zu einem neuen (und letzten) Höhepunkt eines europäischen 'Ausgreifens' in die verschiedensten Weltregionen, vor allem in Afrika und Asien (Imperialismus / Kolonialismus), das langfristig - bis in unsere Gegenwart hinein - durchaus problemreiche Auswirkungen mit sich gebracht hat.


Der oben angeführte Text geht zurück auf eine Veröffentlichung des Kolpingwerkes Deutschland.


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