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Adolph Kolping - Biographische Skizzen

Lebensgrundsätze

"Grundsätze, Lebensregeln, an denen man wie an einer unabänderlichen Richtschnur fortschreitet, gehören durchaus zum Menschen." An verschiedenen Stellen formuliert Kolping diese seine Überzeugung, daß der Mensch zur angemessenen und sinnhaften Gestaltung seines Daseins nicht auf die eigene Entwicklung von Lebensgrundsätzen verzichten darf. Gerade der junge Mensch ist im Prozeß des Erwachsenen-Werdens, des Selbständig-Werdens gehalten und verpflichtet, einen "Lebensplan" zu entwickeln. Einem Jugendfreund schreibt Kolping: "Es kann nichts Ernsteres und Wichtigeres geben, als eine Lebensrichtung zu begründen; von ihr hängt alles ab, des Menschen Glück und Unglück, sein Wohlbehagen, sein ganzer Gehalt und der Stand zur ganzen menschlichen Gesellschaft, wie auch die Erfüllung eines Berufes, der noch über alles dieses geht - ich meine die Bestimmung zu einer ewigen Seligkeit. Geht der erste Wurf fehl, faßt man das Leben an einer unrechten Seite auf, setzt man das minder Wichtige dem Wichtigen nach ... so ist viel, meist alles verloren."

Von besonderer Bedeutung ist hier, daß Kolping diese Entwicklung von Grundsätzen als ureigene Aufgabe des jungen Menschen sieht und betont. Gewiß sollen und müßten die in der persönlichen Entwicklung grundgelegten Einflüsse, gerade etwa durch das Elternhaus, ihre angemessene Berücksichtigung finden. Es kann aber nicht darum gehen, einfach etwas unreflektiert zu übernehmen. Notwendig ist in jedem Falle das eigene Bemühen, dieser Aufgabe und Verantwortung kann sich niemand entziehen. In diesem Zusammenhang sagt Kolping, daß man beim Begründen der Grundsätze nie vorsichtig genug sein könne und eine solche Sache mit aller Behutsamkeit angreifen müsse. "Man sollte, ehe man sich auf etwas einließe, sich selbst kennen; ohne Selbstkenntnis ist die Mühe vergeblich, und der beste Rat, den ein anderer erteilt, geht nutzlos verloren. Der Mensch weiß es gewöhnlich selbst am besten, wenn er nur ein wenig über sich nachdenkt, was ihm zusagt, was ihm nützt." Man darf nun nicht meinen, Kolping hätte sich mit der Forderung nach Grundsätzen begnügt, ohne zu diesem Punkt nähere inhaltliche Vorstellungen zu entwickeln. Kolping verzichtet, um es anders auszudrücken, nicht darauf, genau zu sagen, welches in seiner Sicht die richtigen Lebensgrundsätze sind bzw. worauf diese zu ruhen haben. Für den Christen Adolph Kolping ist es die Religion, die Fundament sowohl der persönlichen Lebensgestaltung wie auch des gesellschaftlichen Lebens insgesamt sein muß.

Entsprechend formuliert er mit einer Deutlichkeit, die keinen Zweifel aufkommen läßt: "Nur die Religion bildet den Menschen, und jede andere Bildung läuft auf nichts Haltbares, Dauerhaftes, wahrhaft Befriedigendes hinaus. Die Religion ist die höchste Gabe des Himmels. Durch sie ist der Mensch - Christ das, was er ist. Folglich gebührt ihr die größte Achtung, Unterwürfigkeit, Unterwerfung. Sie ist die Norm und Richtschnur des Handelns, der feste Grund jedes Wahren, Guten und Schönen."

Prägung durch die Familie

Adolph Kolping wurde noch als französischer Staatsbürger geboren; wenig später aber machten die verbündeten europäischen Mächte dem Kaiserreich Napoleons ein Ende und das Rheinland fiel an Preußen. Die Ereignisse des großen Politik haben das Leben in der Kleinstadt Kerpen freilich nur am Rande berührt, noch war diese Welt kaum von den tiefgreifenden, ja umbruchhaften Entwicklungen und Veränderungen betroffen, die Lebenszeit Adolph Kolpings prägten.

Adolph Kolping wuchs in sehr bescheidenen Verhältnissen auf. In seinem zum Abitur verfaßten Lebenslauf schreibt er: "Meine Eltern waren stille, ehrbare Leute, deren ganzes Vermögen in einer zahlreichen Familie bestand, deren Unterhalt ihnen vollauf zu tun gab. Die Schafherde meines Vaters, eine Häuschen mit Garten und einige Stückchen Land bilden noch heute das treu bewahrte Erbe unserer Ahnen. Worauf aber doch meine Eltern mit emsiger Sorge achthatten, war die Erziehung ihrer Kinder". In allen verfügbaren Aussagen Kolpings über die eigene Familie wird deutlich, welche Bedeutung er im Rückblick dieser seiner Herkunft zumaß: Nicht die materielle Situation der Familie ist entscheidend für das Leben der Familienmitglieder, sondern das 'geistige Klima', welches wiederum nicht unabhängig vom religiösen Fundament gesehen werden kann. Das Aufwachsen in glücklichen, geordneten Familienverhältnissen, das Erleben harmonischen Familienlebens auf der Grundlage überzeugten Christentums - das waren Urerfahrungen, die Kolping für sein ganzes späteres Wirken entscheidend geprägt haben. Der 'Apostel' der Familie, als der Adolph Kolping oft gesehen wird, hat zu Hause in Kerpen die Erfahrungen und Einsichten erleben und gewinnen können, die ihn später veranlaßten und befähigten, die unersetzliche Bedeutung der Familie für den einzelnen wie für die Gesellschaft insgesamt zu sehen und zu betonen. Entsprechendes gilt für die Konzeption des Gesellenvereins als 'familienhafte Gemeinschaft'.

Die eigene Herkunft trug entscheidend dazu bei, daß Kolpings Lebensweg bruchhaft verläuft. Trotz der offenkundigen Begabung des Jungen war der Besuch einer höheren Schule für die Familie finanziell nicht verkraftbar; erst mußten zehn Jahre der Lehr- und Gesellenzeit vergehen, bevor Kolping den entscheidenden Schritt wagte, als Erwachsener doch noch den Weg zu höher Bildung - und damit zur Wahrnehmung gegebener Chancen und Möglichkeiten - zu gehen. Bezeichnenderweise hat Kolping nie über derartige Widrigkeiten geklagt, schon gar nicht seinen Eltern gegenüber irgendwelche Vorwürfe erhoben. Hier ging es um Probleme, die es aus eigener Kraft anzupacken und zu lösen galt, wo weder das bloße Klagen noch eine 'Schuldzuweisung' an irgendwelche gesellschaftlichen Verhältnisse helfen konnten. Sicherlich wird man auch sagen können, daß es gerade die trotz der vielfältigen positiven Erfahrungen doch harte und entbehrungsreiche Kindheit war, die in Kolping jene Kräfte und Fähigkeiten wachgerufen hat, die ihn später befähigten, die gesteckten Ziele auch größten Schwierigkeiten zum Trotz mit aller Energie anzugehen und zu verwirklichen. Auch in diesem Sinne ist also das Lebenswerk Kolpings ohne die entscheidende Prägung durch die eigene Herkunft nicht denkbar.

Ausbildung

25 Jahre, fast die Hälfte seines Lebens hat Adolph Kolping in Ausbildung und Weiterbildung gestanden, hat er gelernt und studiert. Volksschule in Kerpen, Schuhmacherlehre und Gesellenzeit, Gymnasium in Köln, Studium in München und Bonn, Priesterseminar in Köln - diese vielfältigen Stationen in Kolpings Ausbildung bis zum langen ersehnten Ziel der Priesterweihe haben von Kolping hohen Einsatz und große Leistungen verlangt. Dank der ihm eigenen Begabung und mit der unverrückbaren Entschlossenheit, gesteckte Ziele auch zu erreichen, hat Kolping nicht nur das jeweils gerade Notwendige absolviert, sondern in allen Bereichen wirklich Tüchtiges geleistet. Die uns erhaltenen Schulzeugnisse belegen dies ebenso wie das überlieferte Angebot seines letzten Kölner Meisters, durch Einheirat eine der führenden Schusterwerkstätten Köln zu übernehmen. Wenn Kolping in seinem späteren Wirken so sehr die Bedeutung der persönlichen Tüchtigkeit hervorgehoben hat und die Pflicht des einzelnen, das aus sich zu machen, was nur eben möglich ist, so hat er auch dies im eigenen Leben selbst vorbildlich praktiziert und damit den Forderungen und Erwartungen an die Mitglieder des Gesellenvereins eindringliche Glaubwürdigkeit verliehen.

Fleiß und Zielstrebigkeit sind es aber nicht allein, die den 'lernenden' Kolping auszeichnen. In den verschiedenen Phasen seiner Ausbildung stand Kolping immer wieder vor gänzlich neuen Gegebenheiten und Bedingtheiten, geprägt zum einen durch die jeweilige aktuelle Situation, zum anderen aber auch durch den sich insgesamt in dieser Zeit ja vollziehenden Umbruch in allen Lebensbereichen. Kolping zeichnet sich hier durch etwas aus, was man 'kritische Offenheit' nennen könnte: Er setzt sich intensiv mit den jeweiligen Verhältnissen auseinander, geht gerade auch auf neue Entwicklungen ein - dies aber nicht in unkritischer Begeisterung für alles Neue, nur weil es neu ist, sondern auf der Grundlage klarer eigener weltanschaulicher Positionen, die den Maßstab für die Beurteilung des Erlebten und Erfahrenen liefern. Kolping geht also - anders formuliert - nicht mit Scheuklappen durchs Leben, blind für die vielfältigen Entwicklungen und Wandlungen in allen Bereichen der Gesellschaft, aber er unterliegt auch keinem naiven Fortschrittsglauben, wie er in dieser Zeit doch weit verbreitet war. Ein Weiteres: Kolping ist sein Leben lang ein aufmerksamer Beobachter gewesen, auch in den Jahren der Ausbildung. Natürlich gehören die hier angesprochenen Aspekte wie Offenheit, Lernbereitschaft und Beobachtungsgabe eng zusammen; sie bilden ein enges Geflecht von Persönlichkeitsmerkmalen, die sicherlich auch heute aktuell und vorbildlich sind, vielleicht sogar gerade heute, wo wir uns immer weniger auf Traditionen stützen können und in immer stärkerem Maße in der fast unvermeidlichen Gefahr stehen, dem Urteil tatsächlicher oder vermeintlicher Experten ausgeliefert zu sein. Die Komplexität der Welt, in der wir leben, ist von niemandem mehr komplett zu bewältigen; in jedem Falle aber sind Verhaltensweisen resp. Fähigkeiten, wie Kolping sie gezeigt hat, brauchbare und wichtige Hilfsmittel, in dieser Welt bestehen zu können und nicht zum Objekt des Behandelt-Werdens zu werden.

Der "Aussteiger"

Im Alter von 23 Jahren, wo üblicherweise die familiäre, berufliche und gesellschaftliche Etablierung erfolgt oder schon erfolgt ist, vollzieht Adolph Kolping einen entscheidenden Bruch in seinem Lebensweg. Er gibt nach zehn Jahren der Tätigkeit im Handwerk sein bisheriges Leben auf und beschließt, die höhere Schule zu besuchen, um schließlich Theologie zu studieren und Priester werden zu können. Sehr eindringlich hat Kolping diesen Schritt und die darauf hinführenden inneren Auseinandersetzunen in seinem zum Abitur verfaßten Lebenslauf beschrieben. Ein solcher Schritt könnte heute leicht als 'Aussteiger-Verhalten' eingeordnet werden, wo es ja gelegentlich als modern gilt, alles hinzuwerfen und irgendwohin die Flucht anzutreten. Eine solche Sicht wäre allerdings ein totales Mißverständnis. Kolping ging es nicht darum, unbefriedigende Verhältnisse einfach loszuwerden, erst recht nicht darum, sich den gesellschaftlichen Gegebenheiten und Bedingtheiten zu entziehen. Tatsächlich hatte Kolping bei seinem Schritt ein klares Ziel vor Augen; er wollte Möglichkeiten und Chancen wahrnehmen, die in ihm steckten, die sich ihm boten, auf deren Realisierung er aber zunächst hatte verzichten müssen aufgrund der familiären Verhältnisse, die seinerzeit den Besuch der höheren Schule nicht zugelassen hatten. Letztlich hatte Kolping aber nie das Ziel aus den Augen verloren, das aus sich zu machen, was nur eben möglich war.

Damit wird ein prägender Grundzug in der Persönlichkeit Kolpings deutlich, nämlich seine Zielstrebigkeit. Der unbedingte Einsatz für das gesteckte Ziel zeichnet Kolping in allen Stationen seines Lebens aus - beispielhaft deutlich etwa in der Schulzeit, wo er den Gymnasialkurs trotz vielfältiger Bedrängnisse und Sorgen in weit unterdurchschnittlicher Zeit absolvierte, deutlich aber auch im späteren Wirken im Gesellenverein, wo er allen Widrigkeiten zum Trotz in den ihm noch verbleibenden Jahren ein über viele Länder verbreitetes Werk zu schaffen vermochte. Eine derartige Zielstrebigkeit kommt natürlich nicht von ungefähr: Im Hintergrund steht ein klares religiöses Fundament, wie es allein Kriterien zur Beurteilung dessen liefern kann, was erlebt und erfahren wird, und das - wichtiger noch - auch die Orientierungspunkte dafür angibt, was erstrebt werden kann und soll, was Aufgabe und Bestimmung des einzelnen in seinem Leben ist, sein kann und sein muß. "Erst will ich mich bestreben, Mensch zu sein, die hohe Bestimmung desselben begreifen lernen, zu der er geboren ward; die Pflichten des Menschen erkennen und erfüllen lernen, die ihn gerecht machen, unter seinen Brüdern zu leben und für sie zu wirken; dann, nachdem ich erkannte habe die Wege, die zur Vollendung führen, dann will ich mit festem Fuße sie betreten, will die erkannte Wahrheit festhalten und sie verteidigen, mit freier offener Stirn bekennen, was in meiner Seele vorgeht, der Wahrheit ein Zeuge, den Mitmenschen ein Bruder sein. Zufriedenheit will ich in dem Gedanken suchen, alles getan zu haben, was meine Kräfte und mein Wirkungskreis verlangte, außer diesem gibt es auch keine wahre Zufriedenheit, keine Ruhe für mich". Mit diesem Gedanken beginnt Kolping im Jahre 1837 sein Tagebuch als Schüler des Kölner Marzellengymnasiums. Der Christ Adolph Kolping ist diesem Ansatz treu und beispielhaft gefolgt.

Beruf und Berufung

"Wohin Gott den Menschen stellt, dort ist sein Beruf, dort gedeiht er am besten, dort soll er seine Kräfte entfalten". "Wer einen Platz hat, auf den ihn nicht sein eigener Mutwille oder sein törichter Hochmut gebracht, sondern auf dem er steht mit besonnener Wahl und dann durch göttliche Fügung, der muß den durch diesen angenommenen Platz ergriffenen Beruf mit der ganzen Kraft seines Herzens erfassen und zu erfüllen streben".

Mit seinem Beruf hat Kolping es sich gewiß nicht leicht gemacht und hat er es auch nicht eben leicht gehabt, dauerte es doch vergleichsweise lange, ehe er die eigene Berufung erkennen und verwirklichen konnte. Kolpings eigener Weg ist durch zwei Haltungen gekennzeichnet, die er auch in seinem späteren Wirken immer wieder in ihrer Bedeutung gesehen und betont hat, nämlich die Ernsthaftigkeit des Strebens nach dem angemessenen Lebensweg einerseits und Opferbereitschaft andererseits. "Eine wirklich gute Sache sucht ihren guten Mann, der eines Opfers, und zwar eines reinen Opfers für dieselbe fähig ist".

Einem Jugendfreund schreibt Kolping 1842: "Überlege, was Gott wohl mit dir vorhat und bestrebe dich dann mit allen Kräften, seinem heiligen Willen nachzukommen. Das ist nämlich die nächste und wichtigste Aufgabe im Leben des Christen". Der eigene Weg zum Priestertum war für Kolping mit einem schmerzlichen Opfer verbunden, nämlich mit dem 'Abschied' von seiner Jugendfreundin Anna Margarethe Statz. Seinem Tagebuch vertraute Kolping nach Eintreffen in München am 3. Mai 1841 an, wie schwer ihm dieses Opfer fiel: "Die Heimat liegt glücklich hinter mir, mit Gewalt habe ich die Tränen unterdrückt, wie nahe sie meinen Augen standen, da, als die Liebe sich nochmal mit ihrer ganzen Gewalt an mein Herz hing und ich sie lassen mußte. Oh, ich weiß wohl, so viel Liebe, solche Anhänglichkeit, solche Treue wie in der Heimat finde ich nirgend mehr in der Welt. Aber diese unbegrenzte Liebe hat mir den Paß zur Fremde in die Hand gedrückt. Diese Liebe darf ich nicht erwidern, aber ihre Schuld drückt mich zu Boden. Diese Schuld ist keine moralische, die das Gewissen belastet, sie ist Schuld der Dankbarkeit, der ich nichts als die bewegten Gefühle meines Herzens entgegensetzen kann". Unbeirrbar aber ging er den Weg, den er für sich als richtig und notwendig erkannt hatte, getreu der eigenen Devise: "In der Stunde der Entscheidung zu jedem Opfer bereit sein, mit dem ganzen Dasein eintreten können fürs Recht, sterben können für die Pflicht, das macht groß und hält das Unheil fern".

Die Lebensaufgabe

Eine alte Legende - auch durch das überkommene Liedgut des Verbandes zur lebendigen Tradition geworden - besagt, daß Kolping einen bruchlosen Weg vom Gesellen zum Gesellenvater gegangen ist. Natürlich macht sich eine solche 'Karriere' sehr gut, aber die Tatsache, daß es sich hierbei um eine Legende handelt, tut sicherlich der Bedeutung Kolpings keinen Abbruch. Im übrigen hat uns Kolping selbst klare Auskunft über seinen Weg zum Gesellenvater gegeben. Am 29. November 1848 - er hat mittlerweile den katholischen Gesellenverein in Elberfeld kennengelernt, ist zu dessen Präses gewählt worden und hat seine erste programmatische Schrift 'Der Gesellenverein' erstellt - schreibt er an seinen Münchener Lehrer Ignatz Döllinger:

"Seit dieser Vereinsplan bei mir zur Reife gekommen, bin ich erst über mich selbst klar geworden, ich möchte sagen, sind mir die Wege Gottes erst zur Deutung gekommen. Während meines Aufenthaltes in München und später trug ich mich insgeheim mit dem Gedanken herum, mich wissenschaftlichen Studien zu widmen, gewissen Disziplinen sagten mir besonders zu, und doch fand ich nie Gelegenheit, diesen Wünschen nachzukommen. Die hiesige Praxis ließ vollends keine Hoffnung mehr aufkommen. Wie von selbst dagegen fand ich mich immer wieder unter dem Volke, aus dem mich Gottes Hand herausgeführt. Seit ich in unserem Verein aber wieder mit dem Volke volkstümlich verkehre, ist die Lust an wissenschaftlichen Studien gewichen, glaube ich gar zu bemerken, daß ich dazu im Grunde sehr wenig geeignet bin; dagegen aber finde ich mich in einer solchen Volksprofessur ganz in meinem Elemente. Ich glaube, es dürfte vielen so ergehen, wenn die Praxis sie erst über sich selbst aufklärte. Gewiß kein Schade".

Kolpings Begegnung mit dem Gesellenverein, an dessen Gründung er ja keinen unmittelbaren Anteil hatte, hat ihn also zu seiner Lebensaufgabe geführt; das Engagement in diesem Verein und die Verantwortung für diesen Verein haben Kolping dieses Wirken als seine Chance und Aufgabe erkennen und annehmen lassen. Hier kommt Kolpings ausgeprägtes Pflichtgefühl in den Blick und damit die Überzeugung, daß jeder einzelne von Gott auf einen bestimmten Platz gestellt ist, den er mit allen Kräften auszufüllen hat. Nicht die eigene Entscheidung im Sinne einer dem Gutdünken folgenden Auswahl ist maßgebend, sondern die Annahme einer Berufung. In diesem Beruf zählen dann nicht Freude und Genugtuung, schon gar nicht permanente Erfolgserlebnisse, wichtig sind vielmehr Hingabe und Opfer. Selbstverständlich gehört das Leiden an den Mühen und Sorgen des Berufes zum Menschen, auch bei Kolping finden wir viele entsprechende Hinweise. Aber noch so große Schwierigkeiten sind nicht Ursache von Resignation, sondern führen eher dazu, die Kräfte noch mehr anzuspannen, um die gesteckten Ziele zu erreichen. Hier darf sich auch Kolping ruhig einmal - etwa in Briefen - herzhaft über seine Situation auslassen, wenn es dann anschließend doch immer wieder heißt, daß es nun erst recht mit frischer Kraft vorwärts gehen müsse.

Kolping als Publizist

Die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts erlebte das Aufkommen der sogenannten Massenpresse, d. h. in großen Auflagen hergestellter und verbreiteter Zeitungen und Zeitschriften. Voraussetzung für diese Entwicklung waren zum einen neue technische Möglichkeiten, zum anderen die mehr und mehr sich verbreitende allgemeine Schulpflicht, die immer mehr Menschen überhaupt erst in die Lage versetzte, Gedrucktes auch lesen zu können und zu wollen.

Die Presse jener Zeit war in starkem Maße - der vorherrschenden Geistesrichtung entsprechend - liberal geprägt und von daher der Katholischen Kirche nicht unbedingt freundlich gesonnen, kirchlichem Leben und kirchlicher Lehre gegenüber oft sogar feindlich eingestellt. Diese Situation war Anlaß für eine jahrzehntelange innerkatholische Diskussion über dieses neue Medium, wobei oft genug die Frage in den Vordergrund trat, mit welchen Mitteln man das katholische Volk vom 'gefährlichen Zeitungslesen' fernhalten könne. Kolpings Antwort auf diese Herausforderung der Zeit war nicht das Sich-Verschanzen hinter doch immer wieder brüchigen Wällen, sondern die mutige Offensive. Er gab sich nicht mit dem bloßen Klagen zufrieden, sondern machte sich die neuen Möglichkeiten zunutze, um der - wie man häufig sagte - schlechten Presse Alternative entgegenzusetzen. Wenn Menschen in immer stärkerem Maße lesen können und wollen, so Kolpings Überzeugung, dann muß man ihnen eben Dinge anbieten, die ihnen zum Wohle gereichen. Auch hier brachte die eigene Tüchtigkeit den Erfolg. Nach ersten publizistischen Schritten während der Bonner Studienzeit wirkte Kolping zunächst als Redakteur des Rheinischen Kirchenblattes und seiner für den Gesellenverein herausgegebenen Beilagen, bevor er dann 1854 mit den Rheinischen Volksblättern sein eigenes Blatt gründete, das zu den erfolgreichsten katholischen Presseorganen der Zeit gehörte. Mit sechzehn Seiten Umfang pro Woche erreichte dieses Blatt einen weiten Bevölkerungskreis, und zwar nicht nur aus den Reihen des Gesellenvereins. Daneben gab er jährlich noch einen Volkskalender heraus, der große Verbreitung fand, und mit dessen Geschichten Kolping zu einem der bedeutendsten katholischen Volksschriftsteller des 19. Jahrhunderts wurde. Abgerundet wurde das publizistische Schaffen Kolpings durch die 1864 erfolgte Gründung eines speziellen Führungsorgans für den Katholischen Gesellenverein.

Auch diese Aufgabe bedeutete für Kolping keineswegs das reine Vergnügen, sondern zunächst harte Arbeit und dauernde Belastung. Auch hier ging es um Pflichterfüllung, bei der nicht immer nach Glücksgefühlen und Erfolgserlebnissen gefragt werden konnte. Daneben hatte das publizistische Wirken Kolpings freilich eine sehr willkommene Konsequenz, nämlich die reichlichen Einnahmen, die vor allem dem Gesellenverein zugute kamen. Ohne diese finanzielle Rückendeckung hätte Kolping sein Werk sicherlich nicht mit dem ihm eigenen Elan ausbreiten und unabhängig erhalten können; ebensowenig wäre es ihm in den späteren Jahren möglich gewesen, so viel zur inneren Restauration der Minoritenkirche beizusteuern. In diesem Sinne bedeutet das publizistische Wirken Kolpings für den Katholischen Gesellenverein, und damit für das Kolpingwerk, insgesamt sowohl in ideeller wie in materieller Hinsicht einen ganz wesentlichen Faktor, ganz abgesehen davon, daß Kolping mit diesem Wirken weit über den Gesellenverein hinaus bekannt wurde und damit natürlich auch breitere Wirkmöglichkeiten für sein Werk erschliessen konnte.

Der "Zeitgenosse"

Adolph Kolping ging es in seiner Zeit, wie es vielen Menschen in allen Zeiten ergangen ist und auch heute ergeht: er war nicht gerade begeistert von den Zuständen, die er erlebte. Die eigene Zeit war für ihn alles andere als zufriedenstellend. sie erweckte sein nachdrückliches Unbehagen. Ein solches Unbehagen mußte natürlich - wenn es mehr sein sollte als emotionale Zeitkritik - seine Gründe haben; für Kolping war es die Kluft zwischen der erlebten Wirklichkeit einerseits und den eigenen Vorstellungen (geprägt durch Herkunft, Erfahrung und Studien) bezüglich der Ordnung des menschlichen Zusammenlebens andererseits. Kolping gibt sich nicht mit zeitkritischen Aussagen zufrieden, auch nicht mit bloßem Wehklagen oder bloßer Anklage. Er bemüht sich um die genaue Analyse der Situation, fragt also nach Zusammenhängen und Ursachen, und er versucht, praktisch mit Hand anzulegen an der Verbesserung der Verhältnisse - zwei recht mühevolle Unterfangen, die nicht unbedingt immer hoch im Kurs standen und stehen!. Bei der Analyse steht die Einsicht bzw. Überzeugung im Vordergrund, der unverkennbare Rückgang des christlichen Einflusses in allen Bereichen der Gesellschaft trage die entscheidende Verantwortung für aktuelle Probleme und Fehlentwicklungen. Demzufolge mußte, so Kolping, der Weg in eine bessere Zukunft über die Verstärkung eben dieses christlichen Einflusses gesucht und gefunden werden. Ein praktisches Instrument für einen solchen Weg wollte und sollte der Gesellenverein sein, in dem es darum ging, junge Menschen anzuregen und zu befähigen, ihr Leben in allen Bereichen als Christen verantwortlich zu gestalten, um so auf Dauer zu einer umfassenden Erneuerung der Gesellschaft auf christlicher Grundlage beizutragen.

Kolping geht hier ganz konkret vom Menschen aus, nicht von irgendwelchen abstrakten Theorien und Systemen, nach denen sich die Wirklichkeit (wie bei vielen Sozialreformern) zu richten hat. Das Verhalten des einzelnen auf der Grundlage entsprechender Überzeugung ist für Kolping die entscheidende Größe, wenn es um die Frage der Gesellschaft geht - der Weg in eine bessere Zukunft konnte deshalb nur als sozialer Wandel durch Veränderung des Menschen verstanden und konzipiert werden. In einem solchen Ansatz kann die Zuständereform nicht vorrangiges Ziel sein, dafür ist an die Verantwortung des einzelnen ein außerordentlich hohe Anspruch gestellt, dem sich letztlich niemand entziehen kann und darf. Natürlich war Kolping kein Illusionär, der etwa geglaubt hätte, mit dem Gesellenverein allein sei die Schaffung einer neuen, besseren Gesellschaftsordnung möglich. Er war sich sehr wohl bewußt, daß hier umfassende und vielfältige Bemühungen -letztlich eines jeden einzelnen - erforderlich sein würden. Das Entscheidende ist aber, daß Kolping die (zumindest vermeintlich) nur geringen Einfluß- oder Wirkmöglichkeiten nicht zum Anlaß oder gar Alibi für das eigene Nichtstun, für die Kapitulation vor einer scheinbar nicht zu bewältigenden Aufgabe nahm. "Weil das Feld klein ist, das wir beackern, ist deshalb unsere Mühe vergeblich?" Getreu diesem Wort hat Kolping seine Möglichkeiten verantwortlicher Mitgestaltung der Welt gesucht und wahrgenommen.

Auf Reisen

"Wenn einer eine Reise tut", so lautet ein bekanntes Sprichwort, "so kann er viel erzählen". Für seine Zeit war Adolph Kolping sicherlich ein weitgereister Mann, der über das eigene Vaterland hinaus große Teile Europas kennengelernt hat. Tatsächlich wußte Kolping von seinen Reisen auch viel zu erzählen; in den Rheinischen Volksblättern etwa gibt es umfangreiche Reiseschilderungen, z. B. aus Rom, aus Österreich, aus der Schweiz und Belgien. Diese Berichte - besonders auch das Reisetagebuch der Fußwanderung von München nach Venedig im Herbst 1841 - zeichnen sich durch eine gelungene Mischung detaillierter Beschreibungen des Gesehenen und Erlebten, kritischer Beurteilung der sozialen Verhältnisse und der Lebensgewohnheiten der Menschen und tiefer Naturverbundenheit aus und sind auch heute noch eine anregende Lektüre.

Kolping geht mit offenen Augen durch die Welt; er ist nicht einseitig auf bestimmte Aspekte fixiert, wobei er natürlich den 'Vorteil' hatte, daß noch keine Gefahr der 'Ablenkung' durch die Suche nach geeigneten Fotomotiven bestand. Er bemüht sich, das Ganze des Gesehenen und Erlebten zu erfassen, gerade auch in den Zusammenhängen und Wechselwirkungen der einzelnen Faktoren, z. B. hinsichtlich der Einflüsse der Landschaft auf Kultur und Lebensgewohnheiten der Tiroler. Kolping spart im Übrigen nicht mit kritischen Anmerkungen, ja bissigen Bemerkungen über Zustände, die ihm nicht gefallen, z. B. über das 'Badeleben' in Ostende, ohne allerdings in platte Pauschalurteile - aus Ausdruck eigener Vorurteile - zu verfallen, wie dies ja in unseren Zeiten des Massentourismus keine Seltenheit ist.

Immer wieder stoßen wir schließlich auf die aus gläubigem Herzen erwachsene Freude an der Natur und damit auf die Bewunderung des göttlichen Schöpfungswerkes, z. B. in Gestalt eines grandiosen Alpenpanoramas auf dem Gipfel des Rigi. Uns mag heute das Bild unserer Erde durch wissenschaftliche Erkenntnisse klarer und in seiner Entwicklung und Veränderung verständlicher sein - sicherlich aber liegt in einer solchen Einstellung eine entscheidende Wurzel für die 'Achtung' der Natur, wie sie in unserer Zeit erst allmählich wieder - wenn auch unter ganz anderen Vorzeichen - modern wird.

Lebensfreude

"Nach den Lehren des Christentums ist dieses Leben eine Vorbereitung auf eine anderes, besseres. Demnach ist hier für uns nicht des Bleibens, des Genießens, des Großtuns, des Prahlens, der Lust, der Freude; hier sind wir nicht, um uns zu schmücken, um uns gemächliche Tage zu verschaffen und in Lust und Freude zu schwelgen; nein, nein, wir sollen wirken, arbeiten, aufhäufen - und was? Taten, die uns drüben nützen, Taten, die uns Tür und Riegel öffnen, die unseren moralischen Wert bekunden, die uns wirklich zu würdigen Mitgliedern der menschlichen, mehr noch der christlichen Gesellschaft machen." An der Ernsthaftigkeit dieser Kolpingschen Aussage kann man nicht zweifeln. Und doch würde man ihm nicht gerecht, wollte man nur diese eine Seite sehen, dieses Betonen von Aufgaben, Verantwortlichkeiten und Pflichten des Menschen gegenüber seiner höheren Bestimmung. Wer etwa Kolpings Briefe aufmerksam liest, wird an zahllosen Stellen einen gesunden Humor ebenso finden wie den Ausdruck unverfälschter, echter Lebensfreude. Ob Kolping sich aus München ein Faß Bier schicken läßt, ob er in einem langen Brief seiner Freude über einen Hasen Ausdruck gibt, den ihm ein Freund als Jagdbeute zugeschickt hat, oder ob er sich in feiner Selbstironie mit den Schwierigkeiten auseinandersetzt, das Rauchen aufzugeben - Kolping war kein Mensch, der 'hoch erhaben' über allen irdischen Dingen stand oder stehen wollte, und er wirkt eigentlich nie 'sauertöpfisch'; er läßt sich - soweit überhaupt möglich - auch durch noch so viele Sorgen und Mühen in der eigenen Arbeit die gute Laune nicht verderben und behelligt seine Zeitgenossen nicht ständig mit den eigenen Frustrationen.

Folgt man den Berichten von Zeitgenossen, so hat sich Kolping gerade im Umgang mit seinen Mitmenschen durch Offenheit und Frohsinn ausgezeichnet - sicherlich ein wichtiges Element für seine persönliche Ausstrahlung auf junge Menschen und damit für sein erfolgreiches Wirken im Gesellenverein! Der lockere Umgang mit den Gesellen, der den Ausflug ebenso einschloß wie das gemütliche Beisammensein im Vereinslokal, paßt in dieses Bild. Immer wieder hat er betont, wie wichtig für die jungen Menschen die Möglichkeit sei, sich im geselligen Miteinander zusammenzufinden, zu entspannen, neue Fähigkeiten zu entwickeln und neue Kräfte zu sammeln. Allerdings: Mit diesem Konzept hat sich Kolping keineswegs nur Freunde gemacht. Ein durchaus häufiger Kritikpunkt war der Vorwurf, im Gesellenverein gehe es zu fröhlich her, was sich zu einem kirchlich orientierten Verein doch nicht schicke, ebenso auch der Vorwurf, Kolping selbst gehe zu intim mit den Gesellen um, wo sich doch der Verkehr mit dem 'gemeinen Volk' für den Priester höchstens über Beichtstuhl und Kanzel zu vollziehen habe. Solche Kritik fertigte Kolping meist kurz und bündig ab mit dem Verweis darauf, daß Frohsinn und Scherzen nun einmal auch zu den Wesenselementen menschlichen Daseins gehören, deren Ausklammerung jede wirklich ganzheitliche Sorge um den Menschen und für den Menschen verhindern würde: "Ohne Freude, ohne Erheiterung kann das Menschenherz nicht sein, am wenigsten in der Jugend; im Vereinsleben gebührt ihr eine wesentliche Stelle." "Erholung und Erheiterung aber ist ein so natürliches Erfordernis des Lebens, das im Grunde kein Mensch entraten kann noch soll. Die Freude verbieten wollen, hieße, das gesunde Leben krank machen, das kranke vollends töten. Wenn es Menschen gibt, die gegen die Lebensfreude überhaupt eifern, denen das Jammertal der Erde noch nicht jämmerlich genug erscheint, so tut gerade niemandem die Freude mehr not als ihnen, um wieder Mensch unter Menschen zu werden."

Auch an dieser Stelle gilt das Eingebunden-Sein Kolpingscher Positionen in die grundlegenden religiösen Überzeugungen. Auch das Thema Geselligkeit und Freude kann für ihn deshalb nicht 'wertfrei' angegangen werden; auch hier ist die sorgfältige Beurteilung dessen erforderlich, was man tun kann und tun will und tun soll. Zusammenfassend heißt es: "Eine wahrhaft menschliche Freude gibt es gar nicht, wenn nicht in diese Freude hinein das allein beseelende Licht des Evangeliums hineinscheint und dem Menschlichen den höheren Geist verleiht. Darum ist das Christentum so gerne auch bei der menschlichen Freude zugegen, wahrlich nicht, um sie zu stören, nur um sie zur wahren menschlichen, d. h. auch im irdischen Leben christlichen Freude zu erhöhen." Für uns heute wirkt der lebensfrohe Kolping nicht nur ungemein sympathisch, sondern auch ausgesprochen beispielhaft. Hier tritt uns ein Mensch gegenüber, der in Theorie und Praxis die volle Lebenswirklichkeit für sich selbst und für die ihm anvertrauten Menschen annimmt und ernstnimmt, der sich dabei aber nicht verzettelt, sondern trotzdem stets das Entscheidende - im Fundament wie im Ziel - im Blick hält.

Leid

"Mir sind die Leiden im Leben noch immer mehr wert gewesen als alles bloß äußere Glück, als aller Ruhm usw. Sie haben mich weicher gesotten und mich Mitleid gelehrt, und darum: Gott sei Dank auch für die Leiden".
"Ohne Leiden und Beschwerden geht's aber nun mal im Leben nicht; ich möchte für meinen Teil nicht mal wünschen, daß ich ganz davon verschont bliebe, da nichts so geeignet ist, des Menschen Herz höheren Einflüssen offenzuhalten, ihn auf den über und für ihn waltenden Gott hinzuweisen, als gerade das Leiden. Wir brauchen nicht gerade das Leiden zu suchen, aber was wir bekommen, das sollen und müssen wir uns christlich zugute machen".

Diese Gedanken Kolpings aus Briefen an eine befreundete Familie sind keine leeren Phrasen, die billigen Trost spenden, sondern kommen aus ehrlichem Herzen und sind ganz und gar ernstgemeint. Kolping hat in seinem eigenen Leben wahrlich genug Leid erfahren, sei es im privaten Bereich - z.B. der frühe Tod der Mutter und der Schwestern oder der Tod des Vaters am Vorabend der Priesterweihe, sei es im Wirken für den Gesellenverein durch Mißtrauen und Mißgunst oder Fehlen von Anerkennung und Hilfestellung. Nicht zu vergessen sind schließlich die körperlichen Leiden Kolpings, der von Kindheit an über keine besonders robuste Konstitution verfügte und vielfach mit Krankheit und Schmerzen zu tun hatte.

"Das Leben erhält erst Sinn und Bedeutung, Ruhe und Versöhnung, wenn wir mit religiösem Sinn den Wert und die Bedeutung der Leiden zu schätzen wissen". Der qualvolle monatelange Todeskampf im Herbst 1865 bot Kolping reichlichen Anlaß, diesen Gedanken gewissermaßen praktische Geltung zu verschaffen - und es besteht kein Zweifel daran, wenn wir den Berichten der Zeitgenossen folgen, daß Kolping sein Leid in diesem Geist getragen hat. "Es passiert und einmal gar nichts, aus dem wir nicht einen rechten Segen, einen Gewinn für Zeit und Ewigkeit herausschlagen können. Es wird alles darauf ankommen, wie wir es angreifen und behandeln". Mit einer solchen Einstellung konnte Kolping sein Leben auch in schwersten Situationen meistern - auch darin ein Beispiel und Vorbild von zeitloser Bedeutung und Gültigkeit.

Grundhaltungen

Die Frage nach dem Menschen Adolph Kolping, nach bestimmenden Merkmalen der Person, ist sicherlich nicht mit wenigen Hinweisen zu beantworten. Uns bietet sich hier ein vielschichtiges Bild, das in Ermangelung entsprechender Quellen Lücken aufweist - sicherlich mit ein Grund dafür, daß es sehr lange gedauert hat, bis der Versuch unternommen wurde, eine umfassende, wissenschaftlichen Ansprüchen genügende Biographie Kolpings zu verfassen.

Im Gebet der Kolpingsfamilie werden in vier Begriffspaaren acht Grundhaltungen Kolpings genannt, die für uns heute von aktueller Bedeutung sind und sein sollen - Gläubigkeit und Selbstvertrauen, Lebensernst und Freude, Selbstverantwortung und Solidarität, Geschichtsbewußtsein und Fortschrittswille. Zweifellos sind dies typische Merkmale Kolpings, die er widerspruchslos zu integrieren und lebendig werden zu lassen vermochte.

Gläubigkeit und Selbstvertrauen - da drückt sich die tiefe religiöse Verwurzelung aus, die nicht zu einem passiven Sich-Ergehen in den (vermeintlichen) Willen Gottes führt, wo vielmehr Engagement und Verantwortung für sich und für die Welt gefragt und gefordert sind. Zugleich spielt das Vertrauen eine entscheidende Rolle, daß Gott dem seine Hilfe nicht versagt, der mit redlichem Willen unter Ausschöpfung aller eigenen Möglichkeiten das Notwendige zu tun versucht.

Lebensernst und Freude - da ist, bei aller Notwendigkeit des Ringens um den rechten Weg, des ernsten Mühens um die eigene Lebensrichtung, das Leben nicht als bloßes 'Jammertal' verstanden, wo vielmehr auch der Lebensfreude der ihr angemessene Raum gewährt wird, weil - wie Kolping oft genug betont hat - ohne Freude das Menschenherz nicht sein könne, am allerwenigsten in der Jugend.

Selbstverantwortung und Solidarität - da wird sehr deutlich die Verantwortlichkeit eines jeden einzelnen für sich selbst und für die Gestaltung der sozialen Verhältnisse betont und wahrgenommen, dies aber nicht in individualistischer Verkürzung, die letztlich zum hemmungslosen Streben nach dem eigenen Vorteil führen kann, sondern im klaren Bewußtsein der Notwendigkeit des Miteinanders, des zwischenmenschlichen Aufeinanderangewiesen-Seins, wo nur in gemeinsamer Anstrengung wirklich positive Veränderungen erreichbar sind.

Geschichtsbewußtsein und Fortschrittswille - da ist das Streben nach Veränderung des Bestehenden, das nicht von illusionärem Fortschrittsglauben geprägt ist, sondern von der nüchternen Analyse, die auch das Vergangene in seiner Bedeutung für Gegenwart und Zukunft nicht übersieht, wo nicht Altes schon deshalb verworfen wird, weil es alt ist, und wo die grundsätzliche 'Endlichkeit' menschlichen Bemühens im Blick bleibt.

Einer naiven (heute gelegentlich auch als 'kritisch' bezeichneten) Geisteshaltung mögen solche Grundhaltungen veraltet und/oder widersprüchlich vorkommen. Beim rechten Hinsehen aber zeigt sich, daß wir es hier mit Elementen zu tun haben, die in ihrem vielfältigen Zusammenspiel tatsächlich in der Lage sind, dem Menschen in seiner Würde als Geschöpf Gottes und in seiner Verantwortung für sich selbst wie auch für die Welt insgesamt gerecht zu werden. Insofern können sie durchaus mit Recht auch für uns Menschen von heute als beispielhaft benannt und verstanden werden.


Der oben angeführte Text geht zurück auf eine Veröffentlichung des Kolpingwerkes Deutschland.


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